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Freiheit allein ist nicht genug

Reinhard Kühnl, emeritierter Universitätsprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg, hielt bei der Herbstakademie der Grünen Bildungswerkstatt Wien einen Vortrag.

Redaktion | 23.11.2005

Die TeilnehmerInnen hatten im Weltcafe schon über Aspekte des Liberalismus diskutiert, als Reinhard Kühnl seinen Vortrag begann. Für manche war Kühnl ein zusätzlicher Anreiz an der Herbstakademie teilzunehmen. Für Kühnl selbst war dieser Auftritt in Wien von Sentimentalität begleitet. Er habe vor fast fünfzig Jahren, 1956, in Wien zu studieren begonnen.

Klassengesellschaften

Kühnl öffnete mit einem Überblick über die Geschichte der Klassengesellschaften. Diese seien vor rund 5000 Jahren entstanden und durch das Verhältnis zwischen "Herren und Knechten, Herren und Sklaven und Herren und Leibeigenen" geprägt gewesen. Die Priesterklasse habe dafür die Interpretation und Legitimation geliefert: Diese Machtverhältnisse seien "Wille der Götter" und daher schwer veränderlich. Im römischen Recht seien die SklavInnen nicht unter das Personenrecht, sondern unter das Sachenrecht gefallen, das auch Werkzeuge und Tiere umfasst habe. Noch im 19. Jahrhundert habe es in der Gesetzgebung der USA einen Passus gegeben, der besagt habe, dass "Sklavenbesitzer beliebig über Sklaven verfügen könnten".

Gegenbewegung: Aufklärung

Die Philosophie der Aufklärung habe sich diesen Herrschaftsverhältnissen entgegengestellt. Die Französische Revolution habe gleiche Rechte für alle Menschen gefordert, was "eine wüste Proteststimmung in der französischen Bourgeoisie" hervorgerufen habe: "Das kann doch nicht ihr Ernst sein, dass ArbeiterInnen die selben Rechte haben sollen!"

Vier Frontlinien

Kühnl skizzierte die wesentlichen Veränderungen der Französischen Revolution anhand von vier "Frontlinien": Erstens, die Konfrontation zwischen arbeitender und besitzender Klasse, ein Verhältnis, das die Französische Revolution ändern habe wollen. Zweitens, die Auseinandersetzung um die Rechte von Menschen in den Kolonien, in denen die französische Bourgeoisie "reiche Beute" gemacht habe. Unzählige Menschen seien versklavt worden. Die französische Revolutionsregierung habe Kriegsschiffe auf die karibischen Inseln entsandt. Französische Soldaten hätten die Freiheit der SklavInnen erkämpft. Drittens habe die Französische Revolution gleiche Rechte für Frauen gefordert. Viertens habe die Französische Republik nach 1000 Jahren Diskriminierung von Juden und Jüdinnen, die in der Propaganda der "katholischen Instanzen" als Volk der Christusmörder deklariert worden seien, als erster europäischer Staat gleiche Rechte auch für Juden und Jüdinnen gefordert. Alle vier Frontlinien, so Kühnl, seien auch für heutige Kämpfe von großer Bedeutung.

Mehr als Freiheit: Gleichheit - Solidarität

Es sei Verdienst der Französischen Revolution, so Kühnl, erkannt zu haben, dass eine Gesellschaft mehr als die Freiheit (liberté) benötige. Sie habe deshalb neben der Freiheit Gleichheit (egalité) und Geschwisterlichkeit (fraternité) angestrebt. Aus dieser fraternité sei schließlich die Solidarität der sozialistischen Gesellschaften geworden.

Eine gerechte Welt ist möglich, aber ...

Schon im 19. Jahrhundert, argumentierte Kühnl, habe die Menschheit über das Wissen und Können verfügt, um die verschiedenen Utopien gerechter Gesellschaften für alle Menschen verwirklichen zu können. Das Alarmierende sei jedoch, dass die reale Entwicklung einen konträren Lauf genommen habe: Seit Jahrzehnten stürben jedes Jahr 60 Millionen Menschen an Hunger und dessen Folgen, die Diskrepanz zwischen Reich und Arm habe sich auf eine Art uns Weise verschärft, dass die 350 reichsten Menschen der Erde mehr besäßen als die ärmsten 2,5 Milliarden.

Keine Antwort

Die Enttäuschungen des realen Sozialismus, in den viele Erwartungen und Hoffnungen zur Änderung dieser Situation gelegt worden waren, seien "noch nicht beantwortet", meinte Kühnl. Und auch er selbst konnte keinen überzeugenden Ansatz anbieten. Er schien die Tristesse seiner Analyse zu spüren und nicht ohne Lösungsangebote schließen zu wollen. Diese beschränkten sich jedoch auf Äußerungen der Hoffnung, was die Rolle der Vereinten Nationen in der Bekämpfung der Logik des kapitalistischen Konkurrenzkampfs betrifft, bzw. der Hoffnung auf "die europäischen Völker und Nationen".


Die Zusammenstellung der Beiträge von der Herbstakademie finden Sie hier.


Referenzen:

Thema: Liberalismus

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