Überraschung Weltcafe
Die eine oder der andere mag es schon geahnt haben, dass diese Veranstaltung etwas ungewohnt sein könnte. Der Vortragssaal der Volkshochschule Favoriten war nicht wie üblich "kino-bestuhlt", sondern mit kleinen Tischrunden bestückt. Bei der Anmeldung zog jedeR TeilnehmerIn eine Nummer, die ihr/ihm einen Platz an einem Tisch zuwies. Bekanntschaftliche Zusammenrottungen waren damit unwahrscheinlich und die Tischzusammensetzung ein Produkt des Zufalls. Silvia Nossek und Christian Harant, die beiden ModeratorInnen der Herbstakademie (beide von der GBW-Wien), übernahmen von Andreas Novy das Mikrophon, kündigten aber zunächst nicht den erwarteten Vortrag von Reinhard Kühnl an. Es gehe der GBW-Wien um eine gemeinsame Suche nach alternativen Lösungsansätzen, meinte Nossek, und daher sehe die GBW-Wien ihre Aufgabe auch darin, Räume für ein gemeinsames Nachdenken anzubieten. Ein solcher Raum sei die Herbstakademie, die Methode: ein Weltcafe.
Was ist ein Weltcafe?
Bei einem Weltcafe werden die TeilnehmerInnen zu ca. sechs Personen auf Tische aufgeteilt. An jedem dieser Tische werden für das gemeinsame Thema wichtige Fragen besprochen, die von den ModeratorInnen vorgegeben werden. Die Tischzusammensetzungen wechseln mit jeder neuen Fragestellung - und so entsteht ein breiter Austausch und so etwas wie gemeinsames Wissen zum Thema.
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| Weltcafe bei der Herbstakademie der Grünen Bildungswerkstatt Wien, 11.-13. November 2005 in der Volkshochschule Favoriten. | ||||
Kritik
Es war schon eine kleine Zumutung für die Menschen, die gekommen waren, um sich bei einem Vortrag zurückzulehnen und nach anstrengendem Arbeitsalltag einfach zu konsumieren. Und so gab es auch Kritik: Die Ankündigung des Weltcafes wurde von zwei Personen öffentlich kommentiert. Ein Teilnehmer kritisierte die Abweichung vom geplanten Ablauf als Einschränkung seiner Autonomie, einen zweiten schien diese Methode an Sekten oder Motivationsseminare zu erinnern: "Müssen wir auch über glühende Kohlen gehen?", fragte er die ModeratorInnen, um etwas später die Herbstakademie zu verlassen. Die große Mehrheit ließ sich nach einer kurzen Schrecksekunde auf das Abenteuer ein und schnell entspann sich an den Tischen eine engagierte Auseinandersetzung zu den Fragestellungen:
Freiheit und Liberalismus
1. Was bedeutet Freiheit für mich? Wo fühle ich mich frei in meinem Leben? Wo fühle ich mich unfrei?
2. Was verbinde ich mit Liberalismus? Und was hat das mit meiner Idee von Freiheit zu tun?
Und nach dem Vortrag von Reinhard Kühnl:
3. Wenn ich den Vortrag mit den Gesprächen vorher verbinde: Was beschäftigt mich? Was irritiert mich? Welche Fragen tauchen auf?
Weltcafe: die Dialogregeln
An manchen Tischen wurde spürbar, was das wesentliche Element des Weltcafes ausmacht: Dies sei der Dialog, gemeinsames Nachdenken, betonte Silvia Nossek. Niemand habe die Lösung für komplexe gesellschaftliche Probleme, ein Dialog biete den Rahmen, gemeinsam neue Zusammenhänge und Lösungsansätze zu erschließen. Für einen gleichberechtigten Dialog sei die Wertschätzung der TeilnehmerInnen untereinander unerlässlich. Dieser Respekt drücke sich vor allem im gegenseitigen Zuhören aus, im Einhalten von drei einfachen Regeln:
- Die Person, die gerade spricht, ist "ermächtigt" zu sprechen. Diejenigen, die nicht sprechen, respektieren den/die SprecherIn, indem sie zuhören.
- Die Verantwortung des/der SprecherIn ist es, auf das Thema zu fokussieren und die Gedanken so klar und kurz wie möglich auszudrücken.
- Die Verantwortung der ZuhörerInnen ist es, mit der inneren Haltung zuzuhören, dass die SprecherInnen etwas Wichtiges und Weises zu sagen haben.
Mit dem Weltcafe etablierte sich schon am ersten Abend eine Atmosphäre der gemeinsamen Auseinandersetzung und der gemeinsamen Suche, und so war ein guter Boden für die folgenden beiden Tage geschaffen.
Die Zusammenstellung der Beiträge von der Herbstakademie finden Sie hier.