Volker Seitz betonte immer wieder gerne seine 17-jährige Erfahrung in Afrika. Als jahrelanger Botschafter in aller Welt, zuletzt bis 2008 in Kamerun, sah er sich nach seiner Pensionierung dazu berufen, ein Buch über die von ihm selbst erlebten Missstände in der „Entwicklungshilfe“ zu schreiben. „Afrika wird armregiert: Wie man Afrika wirklich helfen kann“, so heißt sein neu erschienenes Werk. Als Mitbegründer des Initiativkreises „Bonner Aufruf“ sieht er sich als einer der heftigsten Kritiker der Entwicklungspolitik.
Eckhard Deutscher ist der Entwicklungspolitik offensichtlich nicht ganz so abgeneigt. Als Vorsitzender des DAC (Develpment Assistence Committee), des OECD-Entwicklungsausschusses und aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung in der Entwicklungspolitik musste er sich während der Veranstaltung mehrmals über die angebliche Unwissenheit und Laienhaftigkeit seines Diskussionspartners und gewisser TeilnehmerInnen der Veranstaltung ärgern.
Und so begannen die zwei Gäste unter der Leitung von Judith Schwentner zu diskutieren. Anfangs noch höflich, später auch schon angriffslustiger. Gut, dass die zwischen den beiden platzierte entwicklungspolitische Sprecherin der Grünen den nötigen „Sicherheitsabstand“ bot.
Kritik gibt es immer, Verbesserungsmöglichkeiten auch
Laut Eckhard Deutscher gibt es Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) wohl schon so lange wie die Entwicklungspolitik selbst. Die EZA werde in ihrer Bedeutung jedoch überschätzt. Stattdessen könnten gerechtere Handelsbeziehungen oder funktionierende Steuersysteme in Entwicklungsländern viel mehr erreichen. EZA alleine wird die Armut nicht beseitigen, so Deutscher.
Doch die in Seitz Buch aufgestellten Thesen, Afrika ertrinke in Geld und 30 bis 40 Prozent der Entwicklungshilfegelder gingen in korrupten Kanälen verloren, seien Behauptungen ohne Substanz und Quellennachweis. Auch Deutscher sieht Schwachstellen im entwicklungspolitischen Apparat, beruft sich jedoch vor allem auf Verbesserungsansätze der vergangenen Jahre, wie die Pariser Erklärung* und die Accra Agenda for Action**: Die Komplexität der zahlreichen Entwicklungsorganisationen müsse reduziert, die Arbeit effizienter gestaltet und die Länder untereinander besser vernetzt werden. Zudem sollten die so genannten Entwicklungsländer gleichberechtigt in eine horizontale Struktur eingegliedert werden. Darin sieht der DAC-Vorsitzende die Verbesserungschancen der Entwicklungspolitik.
„Afrika braucht unsere Hilfe nicht“...
...behauptet hingegen Volker Seitz. Entwicklungshilfe sei nicht die Lösung, sondern das Problem. Nach 50 Jahren Unabhängigkeit und „Entwicklungshilfe“ sei Afrika heute ärmer als kurz nach der Kolonialzeit. In den Industriestaaten werde jedoch der Eindruck erweckt, Afrika würde ohne Entwicklungshilfe untergehen. „Doch welche Rolle spielt die Meinung von Afrikanern in der Entwicklungspolitik?“, fragte Seitz und wies darauf hin, dass auch bei dieser Veranstaltung "nur drei Weiße" am Podium säßen.
Allgemein gibt es zwei große Hindernisse, so Seitz: „Untätige korrupte Politiker und eine Entwicklungspolitik, die ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ist“. Entwicklungshilfe führe dazu, dass korrupte Eliten in Afrika „nur auf das Geld warten“, aber keine eigenen Initiativen schaffen. Den Machteliten seien ihre Staatsbürger gleichgültig. Dass die Jugend nach Europa flüchte, wäre Ihnen sogar willkommen, da sie sich so nicht um die hohe Arbeitslosigkeit sorgen müssten.
Afrika solle seine eigenen Probleme selbst lösen, schlussfolgert Seitz, und in ein gerechteres Steuersystem, Bildung und Handelsförderung investieren. Unterstützung sieht er allenfalls in Form von Notfallshilfe angebracht, etwa bei Naturkatastrophen.
„Alle Afrikaner sind korrupt“?
Das war für den DAC-Vorsitzenden wohl zu viel. Er warf Seitz „Unkenntnis“ an den Kopf, genauso wie „Verzerrung, falsche Darstellung und Paternalismus“. „Ich gönne Ihnen ja Ihre Lyrik. Aber wenn Sie sagen ‘Alle Afrikaner! Alle sind korrupt!‘ Das ist doch populistisch. Korruption existiert überall. Vor allem in der Frankfurter Müllabfuhr. Und in der Kölner Müllabfuhr“, ereiferte sich Deutscher. Und während dieser immer lauter wurde und heftiger gestikuliert, wurde auch der anfangs noch schmunzelnde Seitz immer ernster und die Debatte immer persönlicher. „Was heißt da Unkenntnis“, verteidigte sich Seitz, „Sie waren schließlich keine 17 Jahre in Afrika“.
Auch mit den BesucherInnen der Veranstaltung wurde noch angeregt weiterdiskutiert – über kontraproduktive Agrarpolitik, falsche Lösungsmodelle, die Unterschiede zwischen westlicher und chinesischer Entwicklungszusammenarbeit, Mikrokredite, Kopenhagen und leere Sprechblasen.
Eine aus Kamerun stammende Teilnehmerin kritisierte die im Buch beschriebene Korruptheit aller afrikanischer Eliten und das vermeintlich untätige Zuschauen der "armen AfrikanerInnen". Mit persönlichen Beispielen bewies sie das Gegenteil. Allein den Titel fand sie sehr überheblich: „Wie man Afrika wirklich helfen kann“. Was ist denn schon Afrika, fragte sie Seitz. Man könne doch keinen ganzen Kontinent in eine Schublade werfen. Darauf blieb Seitz als Verteidigung nur noch zu entgegnen: „Ich muss ja nicht Recht haben“. Sein Ziel sei es vor allem gewesen, eine kritische Debatte über Entwicklungspolitik in Gang zu setzen - und das sei ihm ja nun eindeutig gelungen. „Wenn auch Zustimmung für sein Buch teilweise aus dem rechten Lager kam“, bemerkte Judith Schwentner kritisch.
Am besten brachte es wohl ein weiterer Gast auf den Punkt. Der Universitätsprofessor für Internationale Entwicklung Walter Schicho schilderte seinen Eindruck der Diskussion: „ Wir sind gerade das genaue Abbild der Situation des Aid Business und der globalen Beziehung zwischen Norden und Süden. Vorne sitzen zwei Experten, die viel wissen, deren Grundeinstellung jedoch die gleiche ist, nämlich: Wir haben das Rezept für die Entwicklung der anderen.“
*Erklärung von Paris über die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit, am 2. März 2005 in Paris, mit den Schwerpunkten Eigenverantwortung, Harmonisierung, Partnerausrichtung, Ergebnisorientierung und gegenseitige Rechenschaftspflicht
**Erklärung zwischen MinisterInnen und bi-und multilateralen Entwicklungsinstitutionen von Geber- und Empfängerländern am 4. September 2008 in Accra, Ghana, zur beschleunigten Implementierung der Pariser Erklärung
Magdalena Heuwieser studiert Internationale Enwicklung an der Universität Wien mit den Schwerpunkten Lateinamerika und Menschenrechte.


