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30 Jahre jugoslawische Selbstverwaltungswirtschaft – was bleibt?

jig_huge.jpg ArbeiterInnen im solidarischen Kampf um ihre Rechte: ein Beispiel aus Serbien. Wie die Selbstverwaltung realisiert wurde, welche Hindernisse zu überwinden waren und wie die kriminellen Machenschaften des Unternehmers entlarvt wurde, zeigt dieser Bericht.

Kathrin Jurkat | 18.02.2009

Die über 30-jährige Selbstverwaltungswirtschaft Jugoslawiens hat im heutigen Serbien wenige Spuren hinterlassen. Unternehmen in gesellschaftlichem Besitz gingen Bankrott, wurden verstaatlicht oder privatisiert. Ebenso führten Isolation und kriegerische Auseinandersetzungen zu einer Apathie und Passivität der ArbeiterInnen. Das Beispiel des Pharmazieunternehmens „Jugoremedija“ zeigt einen anderen Weg auf: ein solidarischer Kampf der ArbeiterInnen für Selbstverwaltung wurde ausgefochten und die Machenschaften eines kriminellen Unternehmers konnten erfolgreich beendet werden.

Der „dritte Weg“ Jugoslawiens  

„Die Arbeiter sahen sich im jugoslawischen Sozialismus viel eher als Besitzer ihrer Fabrik, als dies in anderen sozialistischen Ländern der Fall war“ erklärt Ivan Zlatic, Aktivist und Mitglied von „pokret za slobodu“ (www.freedomfight.net). Unternehmen in gesellschaftlichem Besitz wurden von ihren ArbeiterInnen geführt und betriebliche Entscheidungen formal von ihnen getroffen. Der „dritte Weg“, zwischen Plan- und Marktwirtschaft, zwischen Ost und West, sollte eine unmittelbare Demokratie auf unterster Ebene garantieren.  Ende der 1980er Jahre, durch die wirtschaftlichen Krise und den Zerfall des Realsozialismus, wurden die ersten Schritte einer Transformation in eine kapitalistische Marktwirtschaft verfolgt, die auch eine Privatisierung der selbstverwalteten Unternehmen vorsah und das Mitbestimmungsrecht der ArbeiterInnen grundlegend einschränkte.

Eine Privatisierung, die mehr verspricht als sie hält

Jugoremedija, ein Pharmazieunternehmen in Zrenjanin, entschied sich noch unter der Regierung von Slobodan Milosevic für die Privatisierung. Milosevic verfolgte damals eine Strategie des „menschlichen Kapitalismus“, die eine indirekte Weiterführung der selbstverwalteten Unternehmen vorsah und eine soziale Absicherung der Bevölkerung gewährleistete. Diese sollte ihm die Unterstützung der breiten Bevölkerung garantieren.

Durch die Privatisierung von Jugoremedija wurden 52% des Unternehmens an ArbeiterInnen und Einzelpersonen in Form von Aktien verkauft, so dass weiterhin die Entscheidungsgewalt bei den ArbeiterInnen lag. Die restlichen Anteile gingen zunächst in staatlichen Besitz über und wurden 2002 an einen privaten Investor verkauft. Dass dieser bereits durch frühere undurchsichtige Geschäfte auffiel und von Interpol gesucht wurde, war jedoch beim Verkauf des Unternehmens durch die serbische Privatisierungsagentur nicht ausschlaggebend.

Der erfolgreiche Widerstand

Schon nach einigen Monaten traten die ersten Probleme zwischen dem neuen Besitzer und den AktionärInnen von Jugoremedija auf: Die vertraglich vereinbarten Investitionen, durch die ein Weiterbestehen des Betriebes garantiert sein sollte, wurden von Seiten des Unternehmers nicht durchgeführt. Die ArbeiterInnen widersetzten und organisierten sich. Die Einhaltung des Abkommens wurde gefordert. Doch der Industriemagnat gab nicht auf und reagierte auf die Proteste der Belegschaft mit Entlassungen und dem Einsetzen eines privaten Sicherheitsteams, welches „seinen Besitz“ verteidigen sollte. Handgreifliche Auseinandersetzungen folgten sowie die Besetzung der Firma durch die ArbeiterInnen.   

„In den Medien wurde zwar viel über die Proteste berichtet, aber die Arbeiter wurden nie als Besitzer ihrer Firmen anerkannt. Teilweise wurden sie als Stalinisten darstellt“ erklärt Ivan. Die Berichterstattung der Medien spiegle die Haltung der Öffentlichkeit wider, welche gegenüber selbstverwalteten Unternehmen vorherrschte. Die liberale Regierung habe eine breite öffentliche Kampagne für die sofortige Privatisierung der selbstverwalteten Betriebe geführt. Nur durch einen raschen Übergang von gesellschaftlichen in privaten Besitz sei die Isolation des Landes und die wirtschaftliche Krise zu überwinden. Trotz medialem Druck kämpften die MitarbeiterInnen von Jugoremedija weiter um die Kontrolle ihrer Fabrik und die Rechte, die ihnen als EigentümerInnen zustand. „Über den Besitz der Aktien bestand die Möglichkeit, dass die ArbeiterInnen ihre Rechte sichern konnten, die sie früher hatten und diese wollten sie nicht nehmen lassen“ erläutert Ivan.

Zu einer Aufhebung des Vertrages mit dem Eigentümer kam es jedoch erst nach vierjährigen Protesten. 2007 konnten sich die ArbeiterInnen gegen den drohenden Bankrott der Firma, Einschüchterungsversuchen des Unternehmers und die Gleichgültigkeit von Seiten des Staates durchsetzen. Die Schulden, welche von Seiten des Unternehmers hätten beglichen werden sollen, wurden nun innerhalb eines Monats von den ArbeiterInnen aufgestellt und bezahlt. Die selbstverwaltete Fabrik zeigte, dass sie auch ohne einen Besitzer erfolgreiche wirtschaften und konkurrenzfähig sein kann.

Ende gut – alles gut?!?

Welchen Problemen steht Jugoremedija derzeit gegenüber? Und welche weiteren Schritte sind geplant? Wer Interesse hat, mehr über derzeitige Entwicklungen des Unternehmens und die ArbeiterInnenbewegung in Serbien zu erfahren, ist eingeladen, mit Ivan Zlatic und einem Arbeiter von Jugoremedija auf dem Kongress für Solidarische Ökonomie vom 20. bis 22. Februar 2009 in der Boku Wien Erfahrungen auszutauschen und zu diskutieren.

Weitere Informationen sind unter www.freedomfight.net sowie unter www.solidarische-oekonomie.at abzurufen. 

Aktuelle Termine

03.09.2010 | Werkstattgruppen- Treffen: Selbstverwaltung- ein kritischer Erfahrungsaustausch

09.09.2010 | IGS Modul 6: Ethisches banking. Wohin mit dem "guten Geld"?

13.09.2010 | Chancengerechtigkeit durch Bildung. Neue Konzepte und Ideen vom Kindergarten bis zur Universität

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22.09.2010 | Persönlichkeitsrechte im Internet

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